„Aah, Literatur! Schon als Kind habe ich es geliebt, zu lesen“

„Aah, Literatur! Schon als Kind habe ich es geliebt, zu lesen“ 2017-12-04T14:50:35+00:00

Project Description

Wenn mir jemand die Frage stellt, wie ich auf den Lehrerberuf kam, denke ich direkt an meine Kindheit. Es ist so, als wüsste mein Unterbewusstsein die Antwort auf diese Frage bereits, bevor ich bewusst über ihre Beantwortung nachgedacht habe; als wären die Axone zwischen dieser Frage und meiner Kindheit in meinem Gehirn besonders gut mit der Biomembran Myelin umhüllt, sodass ihre Verbindung innerhalb einer Attosekunde geschieht …

Nein, ich habe nicht Neurologie oder Medizin studiert, aber Sprachwissenschaften – als Teilbereich meiner beiden Hauptfächer: Englisch und Türkisch. Andere Teilbereiche meines Studiums waren Didaktik, Soziologie, ein bisschen Psychologie, Erziehungswissenschaften, Pädagogik und Literaturwissenschaften.

Ah, Literatur! Schon als Kind habe ich es geliebt, zu lesen. Ich ging damals in die zweite Klasse einer Privatgrundschule in der Türkei. Die Abenteuer von Cin Ali, einem in Form eines Strichmännchens gezeichneten kleinen Jungen, waren meine Favoriten in unserem kleinen Bücherregal in der Klasse. Auf den Lehrerberuf kam ich aber schon davor.

In der türkischen Kultur ist der Lehrerberuf hoch angesehen. Lehrkräfte sind geschätzte Mitglieder der Gesellschaft, die von Jung und Alt respektvoll behandelt werden. Ich weiß nicht, wann genau ich es mir in den Kopf setzte, Lehrerin zu werden, aber ich erinnere mich, dass es auf jeden Fall schon vor der Grundschule war. Dementsprechend richtete sich mein schulischer Werdegang auf diese Zukunftsperspektive. Ich musste, als meine Eltern sich entschieden, nach drei Jahren doch wieder zurück nach Deutschland zu gehen, innerhalb kürzester Zeit Deutsch lernen, damit ich nach der Grundschule auf ein Gymnasium gehen konnte. Aus den insgesamt drei Gymnasien in unserer kleinen Stadt suchte ich mir diejenige Schule aus, die auch Türkisch im Angebot hatte, und ich belegte es bis zum Abitur – neben Englisch, in das ich mich bereits in der fünften Klasse verliebt hatte. Kurz gefasst, wusste ich also schon sehr früh, was ich einmal werden würde.

Es mag sein, dass die Art beziehungsweise der Zeitpunkt meiner Berufswahl einen Ausnahmefall darstellt; dass die Mehrheit sich in der Regel erst viel später im Leben für einen Beruf entscheidet. Nicht dieser Aspekt meiner Geschichte soll aber hier betont werden, sondern eher die Motivation und der frühkindliche Glaube daran, dass man erfolgreich werden kann. Wir leben in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte ihre Stigmatisierungen verinnerlicht haben; in der die Betroffenen selbst sich und/oder andere mit ähnlicher Herkunft als Unterlegene betrachten. Sie sind nicht motiviert. Sie glauben nicht an sich. Eventuell haben sie nicht einmal akademische Vorbilder, mit denen sie sich identifizieren und zu denen sie aufschauen können.

Heute bin ich froh über meine Berufsentscheidung: zum einen, weil ich das studiert habe, was ich bewundere, zum anderen aber auch, weil ich nun eine weitere Lehrkraft mit Zuwanderungsgeschichte sein kann, von denen es in Deutschland viel zu wenige an Grundschulen, an weiterführenden Schulen sowie an Universitäten gibt. Lehrer fungieren nicht nur als Wissens- und Kompetenzvermittler, sondern vor allem auch als Vorbilder, wenn sich die Schüler mit ihnen identifizieren können. Und wir brauchen diese Vorbilder an allen Lehrinstituten.

2009 inspirierten Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte an einem Projekttag, den sie an unserer Universität, der TU Dortmund, veranstalteten, einige meiner Mitstudierenden und mich. Aus der an diesem Tag hervorgerufenen Motivation heraus gründeten wir, damals nur eine Handvoll Studenten, das Studierendennetzwerk. Wir sahen das Lehrernetzwerk und die engagierten Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte als unsere Vorbilder an, weil wir uns mit ihnen identifizieren konnten. Durch ihr Beispiel kamen wir nicht nur auf die Idee der Gründung eines ähnlichen Netzwerks, sondern sie erweckten in uns ebenso den Glauben daran, dass auch wir damit erfolgreich sein könnten. Natürlich spielt die seitdem kontinuierlich erfolgende Unterstützung durch das Lehrernetzwerk sowie durch unsere Universität und unsere Professoren eine ebenso große Rolle für unseren heutigen Erfolg wie das Netzwerk Lehramtsstudierende mit Zuwanderungsgeschichte.

„Ich hoffe, dass auch ich eines Tages als Vorbild angesehen werde.“

Ich bin froh und glücklich darüber, dass ich auf Lehramt studiert habe. Ich hoffe, dass auch ich eines Tages als Vorbild angesehen werde und den Bildungserfolg Lernender (unter anderem mit Zuwanderungsgeschichte) fördern kann, indem ich sie vor allem motiviere, an sich und das eigene Können zu glauben.

Özlem Karuç, Türkei,
Universität Dortmund