Lehrerausbildung – Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung

Lehrerausbildung – Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung 2018-06-07T13:57:29+00:00

Project Description

Betroffene zu Beteiligten machen – zwei Szenarien

„Handlungswissen, Einstellungen und Haltungen entwickeln sich aus konkreten (Lern-)Erfahrungen.“

Lässt sich diese Auffassung von Kompetenzentwicklung – sie ist durchaus ein zentraler Grundsatz in der aktuellen Lehrerausbildung – durch meine eigenen Erfahrungen bestätigen? Zwei aktuelle Szenarien mögen als Beispiele dienen.

 

Szenario 1: „Vielfalt als Aufgabe der Lehrerausbildung – Interkulturalität, Inklusion, Identität“

Dies war das Motto des Kongresses des Bundesarbeitskreises der Seminar- und Fachleiter/innen (BAK) im September letzten Jahres in Köln. Mit den Begriffen „Interkulturalität, Inklusion, Identität“ spannte der 46. Seminartag einen Rahmen des wissenschaftlichen, schul- und ausbildungspraktischen Austauschs über professionelle Lehrerarbeit und ihren Kompetenzerwerb unter den Bedingungen gesellschaftlicher und schulischer Vielfältigkeit. Lernen, Erziehung und Bildung in einer „Schule der Vielfalt“ sei das Thema der Stunde, wahrscheinlich sogar dieser Dekade – so beschrieb Frau Dr. Bettina Amrhein in ihrem Hauptreferat die derzeitige bildungspolitische und öffentliche Diskussion. Was nehmen wir in der Schule wahr?

In der Lehrerschaft wie auch bei den Ausbilderinnen und Ausbildern der Studienseminare/ZfsL löst insbesondere der Inklusionsgedanke zwiespältige Reaktionen aus. Die Schulen sind vielerorts dabei, sich intensiv den neuen Aufgaben an die Integration eines hohen Anteils von Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungsgeschichte sowie den pädagogischen und ministeriellen Forderungen an „individuelle Förderung“ zu stellen. Sie empfinden teilweise, dass mit dem Anspruch auf „Inklusion“ nun noch „eins draufgesetzt“ wird. Kein Wunder, dass viele Lehrkräfte und Ausbilder(innen) verunsichert und ratlos reagieren.

 

Interkulturalität ist – wie Inklusion – Bestandteil der neuen Ausbildungscurricula in NRW. Das neue Kerncurriculum beschreibt im Handlungsfeld 5, „Vielfalt als Herausforderung annehmen und Chancen nutzen“, folgende Handlungssituationen:

  • Heterogenität in den Lerngruppen in ihren vielfältigen Ausprägungen (genderbezogen, begabungsdifferenziert, interkulturell, sozial, behinderungsspezifisch usw.) wahrnehmen und diagnostizieren
  • Heterogenität als Potenzial für Unterricht und Schulleben nutzen, Konflikte in ihren heterogenen Ursachen differenziert wahrnehmen und bearbeiten
  • Sprachstand differenziert erfassen und Schülerinnen und Schüler sprachlich individuell fördern
  • Sprachentwicklung der Schülerinnen und Schüler bei der Gestaltung von Unterricht in allen Fächern berücksichtigen

Welch ein Anspruch! Aber können die Ausbilder(innen) diesen Ansprüchen überhaupt genügen? Derzeit sicher nur eingeschränkt.

Ausbilder(innen) wie auch Lehrer(innen) in den Schulen sind auf diesem Feld selbst „Lernende“. Wissen und insbesondere Einstellungen sind in hohem Maße abhängig von ihrer eigenen Sozialisation und ihren persönlichen Erfahrungen (schulisches Umfeld, Familie, Freundeskreis, nachbarschaftliche Bezüge). Sie bedürfen der Hilfe durch fachkundige Personen in systemischen Unterstützungs- und systematischen Fortbildungsprogrammen. Bei der Planung des Kongresses wurde uns frühzeitig klar: Ein solches Vorhaben ist nur durch die Beteiligung eines Netzwerks von Schulen, Hochschulen, Studienseminaren und weiteren Partnern (RAA, Landeskoordinatoren des Netzwerks „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“ und anderen Einrichtungen) planbar und realisierbar. Und im Rückblick auf den Kölner Kongress kann ich heute eindeutig feststellen: Ohne die Einbeziehung und Unterstützung „der Betroffenen selbst“ als Lehrerinnen und Lehrer in den Podiumsdiskussionen, als Referentinnen und Referenten in den Vorträgen sowie als Mitwirkende bei den Workshops und Galeriegängen zu den Themen „Interkulturalität“ und „Identität“ wäre der Kongress nicht dieser große Erfolg gewesen.

 

Szenario 2: Individuelles Fördern in einer „Schule der Vielfalt“ erfordert Teamarbeit der Lehrerinnen und Lehrer in einem „Lehrerzimmer der Vielfalt“

In allem, was wir als Lehrerinnen und Lehrer wie auch als Ausbilderinnen und Ausbilder tun, sind wir „Modell und Impulsgeber“. Modell sein heißt immer auch (Rollen-)Vorbild sein. Unser Verhalten hat eine – beabsichtigte wie unbeabsichtigte – Wirkung auf Schülerinnen und Schüler, Auszubildende sowie Kolleginnen und Kollegen.

Während des Kongresses in Köln hat sich gezeigt, dass sich die „integrativen, inklusiven Schulen“ den Herausforderungen dann in hohem Maße erfolgreich stellen können, wenn sie die Klassentüren für Veränderungen öffnen und wenn sie sich nicht als „Einzelkämpfer“ verstehen, sondern ihre eigenen Fähigkeiten und Identitäten als „Team“ in den Unterstützungsprozess für Schüler, Eltern und das System Schule einbringen. Offenheit für solche Veränderungen bei jedem selbst beginnt „im Kopf“ – der Erfolg solcher Veränderungen muss politisch und systemisch unterstützt werden.

Ausbildungsseminare und Schulen sind sich (inzwischen) durchaus der besonderen Bedeutung und des Gewinns bewusst, die sich aus den Kompetenzen und Identitäten der Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter mit Zuwanderungsgeschichte ergeben können. Die Projekte der RAA in NRW sowie insbesondere die Aktivitäten des Netzwerks „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“ erhalten vor diesem Hintergrund ihre bedeutsame positive Wirkung, die ich in der Kooperation vor, bei und nach dem Kölner Kongress erfahren durfte.

Es sind nicht allein die Programme, die uns weiterbringen, sondern vor allem die Personen, die sie realisieren. Ohne ein Netzwerk und die Zusammenarbeit im Team – wie ich sie in der Kooperation mit den Landeskoordinatoren Ahmet Atasoy und Atika Müller erlebt habe – ist eine „Schule der Vielfalt“ für mich nicht mehr vorstellbar.

Jürgen Golenia, Landessprecher NRW und
stellvertretender Bundesvorsit- zender des BAK