Mit gutem Beispiel vorangehen

Mit gutem Beispiel vorangehen 2017-12-05T09:58:45+00:00

Project Description

Ich bin in Ostanatolien in der Türkei zur Welt gekommen. Das Verlassen der Heimat und der Umzug in ein neues Lebensgebiet, also die Migration, hat meine Familie zweimal durchlebt. Zweimal musste ich alles zurücklassen und ganz von vorn anfangen. Das erste Mal mit vier Jahren, als wir aus unserem Heimatdorf nach Istanbul zogen, und das zweite Mal mit 15, als wir nach Deutschland auswanderten.

„Zweimal musste ich alles zurücklassen und ganz von vorn anfangen“

Mein Wunsch, Lehrer zu werden, stammt nicht von meinen Erfahrungen mit den Lehrern aus der Zeit in der Türkei. Das erste positive Erlebnis in meinem Schulleben hatte ich in Deutschland. Ich habe hier mit meinen Lehrern richtig Glück gehabt, weil sie wirklich ihr Möglichstes getan haben, um mich zu unterstützen. Sie haben Kontakt mit meiner Familie aufgenommen und uns in jeder Hinsicht geholfen. Ich weiß nicht, ob sie interkulturelle Kompetenzen besaßen – ich weiß aber, dass sie menschliche Kompetenzen hatten. Wie bereits erwähnt, hatte ich da besonders viel Glück, sonst hätte ich es nicht schaffen können. Das, was ich von den Lehrern bekommen habe, wollte ich weitergeben. Daher habe ich mich für diesen Beruf entschieden. Ich hatte sehr gute Vorbilder ohne Migrationshintergrund – und wollte auch für meine Schüler mit und ohne Migrationshintergrund ein Vorbild werden.

Heute unterrichte ich an einer Gesamtschule die Fächer Sport,Türkisch und Mathematik und bin Verbindungslehrer bei der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA Gelsenkirchen).

An unserer Schule werden zurzeit Schülerinnen und Schüler aus über 15 Herkunftsländern unterrichtet. Mehr als 40 Prozent aller Schüler stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Wir betreiben eine erfolgreiche Integrationsarbeit, da die Schulleitung dieses Thema für sehr wichtig erachtet, viele Kollegen engagiert mitarbeiten, eine große Anzahl Schüler in vielfachen Projekten gerne mitmacht und wir starke Partner wie die RAA Gelsenkirchen, die Volkshochschule Gelsenkirchen, die Fachhochschule Gelsenkirchen, die TD-Plattform und viele Fördervereine haben.

Seit etwa sieben Jahren gibt es an unserer Schule einen Integrationsausschuss. Dieser Ausschuss, der aus Lehrkräften (davon sind zwei Schulleitungsmitglieder) und Schülern besteht und auch mit der RAA Gelsenkirchen kooperiert, koordiniert die Integrationsarbeit (Projekte) in regelmäßigen Sitzungen. Der Integrationsausschuss organisiert das Patenprojekt, bei dem sich etwa 15 Schülerinnen und Schüler aus dem zehnten Jahrgang um die verschiedenen Belange der Schüler(innen) aus dem fünften Jahrgang kümmern, das Patenschaftsprojekt, bei dem Oberstufenschüler den Unterstufenschülern bei den Hausaufgaben helfen, das Mentoringprogramm, bei dem Studierende und Akademiker von der TD-Plattform den Oberstufenschülern aus bildungsfernen Familien bei der Berufswahl helfen, das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, das Projekt „Klassengemeinschaft im interreligiösen Dialog“, bei dem im Klassenverband alle Klassen des achten Jahrgangs mit dem Fachlehrer sechs Wochen die Religionen der Schüler lebensnah kennenlernen, sowie die Lesungen von Autoren und Dichtern mit Migrationshintergrund.

Außerdem findet bei uns jedes Jahr ein Antirassismustag für den sechsten Jahrgang statt. An diesem Workshop-Tag leiten interkulturell besetzte Moderatorinnen und Moderatoren von außerhalb der Schule die erlebnisorientierte Arbeit in Kleingruppen, die von den Schülern selbst gewählt werden.

Da wir auch Europaschule sind, haben wir zurzeit viele Partnerschulen in verschiedenen Ländern. Die Zusammenarbeit läuft unter dem Motto: „Andere Länder und ihre Menschen kennenzulernen, ist interessant, spannend, bunt und nicht beängstigend.“ Unsere Integrationsarbeit im Sport wurde 2011 mit dem ersten Platz im vom DFB und von Mercedes-Benz ausgelobten Integrationswettbewerb gekrönt. Zudem begleiten wir Schülerinnen und Schüler bei ihrer Bewerbung für die START-Stiftung. Zurzeit haben wir an unserer Schule drei Stipendiaten. Bei diesen Projekten geht es um das Zusammenleben. Daher muss die Schule den Begriff Integration aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler erläutern. Integration bedeutet für den einzelnen Schüler, dass er sich neu erfinden muss. Er muss aus Eigenem und Fremdem seine Identität basteln, und dabei muss ihm die Schule helfen, indem sie Freiräume schafft – und nicht Teile seiner Geschichte von vornherein ablehnt oder seine Rolle als Fremder festschreibt. Die Schule sollte auch nicht vergessen, dass sie es mit heranwachsenden Jugendlichen zu tun hat. Daher darf man einige Verhaltensweisen nicht auf die Nationalität zurückführen.

„Integration bedeutet für den einzelnen Schüler, dass er sich neu erfinden muss“

Auf die Frage, welche Rolle Lehrer mit Migrationshintergrund bei der Integrationsarbeit spielen, möchte ich folgendermaßen antworten: Sie können eine wichtige Rolle spielen. Lehrer mit Migrationshintergrund können beispielhaft dafür stehen, dass man sich seinen Platz in der Gesellschaft über Bildung erarbeiten und sichern kann. Sie können Brücken bauen zwischen der Schule und den Migrantenfamilien, denn sie bringen dafür einige Kenntnisse und Hintergrundwissen mit. Aber es wäre falsch, zu glauben, dass nur Lehrkräfte mit Migrationshintergrund Integration in den Schulen voranbringen könnten. Wir sind in diesem Bereich erfolgreich, weil viele Kollegen mit und ohne Migrationshintergrund mit anpacken.

Es wäre auch falsch, zu denken, dass nur Lehrer mit Migrationshintergrund interkulturelle Kompetenzen besitzen. Diese Kompetenzen sind nicht angeboren – man kann sie erwerben. Zudem sollte man von dem Begriff „interkulturelle Kompetenzen“ wegkommen, denn es handelt sich doch unter anderem um „soziale und menschliche Kompetenzen“, die wiederum durch Fortbildungen erworben werden können.

Wenn meine Lehrer ohne Migrationshintergrund diese sozialen und menschlichen Kompetenzen damals nicht gehabt hätten, wäre ich heute kein Lehrer.

Abbas Mordeniz, Mathe,Türkisch, Sport,
Gesamtschule Horst, Gelsenkirchen